A  /  B  /  C  /  D  /  E  /   F  /  G  /  H  /  I  /  J  /   K  /  L  /  M  /  N  /  O   P  /  R  /  S  /  T  /  U  /  V  /  W  /  X  /  Y  /  Z

Komik und Humor by Theodor Lipps

T >> Theodor Lipps >> Komik und Humor

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26



Wichtiger ist mir der andere Punkt. "Irgendwie kontrastieren" muessen die
Vorstellungen, deren Verbindung den Witz ausmacht. Mit diesem Kontrast
geht es einigermassen, wie mit der "Unvereinbarkeit" bei _Hecker_. An
seine Stelle tritt spaeter die Nichtzusammengehoerigkeit. Bald darauf
heissen die Vorstellungen einander widerstreitend, wiederum an anderer
Stelle gaenzlich verschiedenartig. Als ob alle diese Ausdruecke dasselbe
sagten. In der That koennen die im Witze verbundenen Vorstellungen sich
auf die verschiedenartigste Weise zu einander verhalten. Das bekannte
_Lichtenberg_'sche "Messer ohne Klinge, woran der Stiel fehlt" enthaelt
eine Verbindung an sich unvereinbarer Vorstellungen. Das Messer
einerseits, der Mangel der Klinge und des Stieles andererseits, diese
beiden Begriffe heben sich gegenseitig auf.--Wenn ein franzoesischer
Dichter auf die Zumutung seines Koenigs, ein Gedicht zu machen, dessen
sujet er sei, antwortet: le roi n'est pas sujet, so vollzieht er eine
Verbindung von Vorstellungen,--sujet = Unterthan und sujet = Gegenstand
eines Gedichtes--die an sich recht wohl vereinbar sind, und nur
thatsaechlich und erfahrungsgemaess nichts miteinander zu thun haben.--"Die
Abteien sind geworden zu Raubteien", sagt der _Schiller_'sche Kapuziner.
Hier sind die in witziger Weise verbundenen Vorstellungen weder
unvereinbar noch unzusammengehoerig. Die Abteien waren in der That in der
Zeit des dreissigjaehrigen Krieges zu Raubteien geworden. Die
Vorstellungen gehoeren also genau soweit zusammen, als es der Witz
behauptet.--Gedenken wir endlich gar der witzigen Definition von der Art
der _Schleiermacher_'schen: Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit
Eifer sucht, was Leiden schafft, so ergiebt sich, dass die im Witze
miteinander "kontrastierenden" Vorstellungen auch solche sein koennen, die
nicht nur in bestimmten Faellen und thatsaechlich, sondern allgemein und
begrifflich zusammengehoeren, deren Zusammengehoerigkeit ausserdem
jedermann denkbar gelaeufig ist. Dass die Eifersucht eine Leidenschaft
ist, die darauf ausgeht Dinge hervorzusuchen und selbst zu ersinnen, die
nur dazu dienen koennen dem Eifersuechtigen und dem Gegenstand der
Eifersucht Qualen zu bereiten, dies liegt ja im Begriff der Eifersucht
und bezeichnet kein verstecktes, sondern ein jedermann bekanntes und
selbstverstaendliches Moment dieses Begriffes.

Die im Witze verbundenen Vorstellungen find unvereinbare und
unzusammengehoerige, anderseits zusammengehoerige und sogar notwendig zu
vereinigende Vorstellungen; sie sind Vorstellungen, deren Vereinigung
einen Unsinn, eine faktische Unwahrheit, andererseits eine thatsaechliche
Wahrheit oder sogar eine Selbstverstaendlichkeit ergiebt. Sie sind mit
einem Worte verschiedenartige Vorstellungen, die sich irgendwie zu
einander verhalten. Verschiedene und irgendwie sich zu einander
verhaltende Vorstellungen werden aber natuerlich in jeder wahren oder
falschen Behauptung miteinander verbunden. Sie koennen also nicht das
Wesen des Witzes ausmachen.

Dann muss wohl die besondere Art der Verbindung den Witz erzeugen. Die
Verbindung, so koennte man sagen, ist beim Witz jederzeit eine solche,
welche die Unvereinbarkeit, oder auch die blosse Verschiedenheit der
Vorstellungen besonders deutlich zu Tage treten laesst. In dieser
deutlicher zu Tage tretenden Unvereinbarkeit oder Verschiedenheit
bestaende dann der "Kontrast", der zum Witze erforderlich ist. In der That
kann _Kraepelin_'s Meinung im Grunde keine andere sein. Zur Komik
ueberhaupt gehoert ja fuer ihn nach der allgemeinen Erklaerung, die wir im
vorigen Abschnitt kennen gelernt haben, der Versuch der begrifflichen
Vereinigung und ein erst _daraus sich ergebender_ "intellektueller"
Kontrast.

Damit stimmt es, dass _Kraepelin_ fuer den Witz eine associative Beziehung
der Vorstellungen fordert, welche die _Verbindung gestattet_. Freilich
geht diese Forderung ueber das hinaus, was jener allgemeinen Erklaerung
zufolge fuer die Komik gefordert ist und demnach auch fuer die Komik des
Witzes gefordert werden duerfte. Ich kann ja recht wohl in einer Aussage
Vorstellungen verbinden und andere zum Versuch ihrer begrifflichen
Vereinigung noetigen, ohne dass besondere associative Beziehungen
vorliegen. Ich sage etwa: Napoleon starb in Sibirien. Napoleon hat mit
Sibirien nichts zu thun. Aber ich verbinde in dem Satze die beiden
Vorstellungen, und wer ihn hoert, kann nicht umhin den Versuch
begrifflicher Vereinigung anzustellen. Er gewinnt auch daraus ein Gefuehl
des Kontrastes. Es kommt ihm zum Bewusstsein, dass Napoleon's Tod in der
That mit Sibirien _gar nichts_ zu thun hat. Die Behauptung erfuellt also
trotz der mangelnden Association die Bedingung, unter der nach _Kraepelin_
das Gefuehl der Komik allgemein entstehen muesste.

Andrerseits kann aber auch die Association hinzutreten und dennoch die
Komik des Witzes, wie jede Komik ueberhaupt, unterbleiben. Ich brauchte
nur Napoleon statt in Sibirien auf Elba sterben zu lassen. Napoleon starb
auf einer Insel; Elba ist eine Insel; Napoleon war auf Elba. Wiederum
wird zugleich demjenigen, der die Behauptung hoert, eben durch die
Behauptung die Nichtzusammengehoerigkeit der verbundenen Vorstellungen zum
deutlicheren Bewusstsein gebracht.

Oder: jemand zeiht meinen Freund, dessen Charakter ich erprobt habe,
einer unredlichen Handlung. Die Gruende, die er anfuehrt, gestatten die
Vorstellungsverbindung und zwingen mich sogar immer wieder, sie
versuchsweise zu vollziehen. Dabei muss mir der Gegensatz zwischen der
behaupteten Unredlichkeit und dem erprobten Charakter in besonderem Masse
fuehlbar werden. Er wird mir vielleicht in dem Masse fuehlbar, dass ich die
Vorstellungsverbindung in tiefster Empoerung abweise. Hier haben
wir ein Kontrastbewusstsein der intensivsten Art; zugleich ein
Kontrastbewusstsein, das sich voellig vorschriftsmaessig aus versuchter
begrifflicher Vereinigung nicht nur verschiedener, sondern faktisch
unvereinbarer Vorstellungen ergiebt. Trotzdem wird niemand verlangen,
dass ich die Verleumdung als Witz oder ueberhaupt als komisch empfinde.

Indessen so ist die Sache nicht gemeint. Die assoziativen Beziehungen
gestatten die Verbindung, an Stelle dieses nichtssagenden Ausdrucks setzt
_Kraepelin_ spaeter den andern, sie begruenden eine bedingte oder teilweise
Zusammengehoerigkeit der Vorstellungen. Damit ist dann freilich wieder zu
viel gesagt. Das Messer einerseits, der gleichzeitige Mangel des Stiels
und der Klinge anderseits, diese beiden Dinge gehoeren auch nicht bedingt
oder teilweise zusammen.

Trotzdem ist in dieser Bestimmung etwas Richtiges. Die associativen
Beziehungen muessen jederzeit eine Zusammengehoerigkeit begruenden, wenn
keine wirkliche, dann eine scheinbare. Indem sie dies thun, verleihen sie
der witzigen Aussage eine wirkliche oder scheinbare Bedeutung und damit
zugleich eine gewisse Kraft, Wichtigkeit, Eindrucksfaehigkeit. Damit ist
auch schon der Punkt bezeichnet, auf den es bei der Zusammengehoerigkeit
einzig und allein ankommt. Nicht die Zusammengehoerigkeit, sondern die
Bedeutung, welche den Worten als Traegern derselben erwaechst, bedingt den
Eindruck der Komik. Die Zusammengehoerigkeit ist bei dem eben angefuehrten
Falle eine lediglich scheinbare. Aber indem die Worte den Schein
erwecken, leisten sie etwas. Wir hoeren die Wortverbindung "Messer ohne
Klinge und Stiel" und lassen uns dadurch verfuehren, fuer einen Moment an
die Moeglichkeit der entsprechenden Vorstellungsverbindung zu glauben,
also derselben einen Sinn zuzuschreiben. Der Begriff eines Messers ohne
Klinge ist uns gelaeufig, der eines Messers ohne Stiel nicht minder. Hebt
der Mangel der Klinge den Begriff des Messers nicht auf, und der Mangel
des Stieles ebensowenig, so scheint auch der Mangel der Klinge und des
Stieles ihn nicht aufzuheben.--Dann freilich kommt uns die
Unvereinbarkeit der Vorstellungen zum Bewusstsein. Wir wissen, das wir
uns haben taeuschen lassen, dass wir nach einem gelaeufigen Ausdruck
"hereingefallen" sind. Was wir einen Moment fuer sinnvoll nahmen, steht
als voellig sinnlos vor uns. Darin besteht in diesem Falle der komische
Prozess.

Analog verhaelt es sich mit jenem Witze des franzoesischen Dichters. Die
Antwort, die der Dichter giebt, ist keine Antwort, oder sie ist, als
Antwort auf die Aufforderung des Koenigs betrachtet, sinnlos. Sie besitzt
nicht bedingte oder teilweise, sondern gar keine "Geltung". Ebensowenig
Geltung besitzt der Schluss, der sich darauf aufbaut: der Koenig ist nicht
sujet, man kann also auch nicht fordern, dass er sujet eines Gedichtes
sei. Aber wir lassen uns die Geltung, welche die Antwort beansprucht,
verfuehrt durch die Gleichheit der Worte sujet und sujet mit einer Art
psychologischer Notwendigkeit gefallen, wir vollziehen mit gleicher
Notwendigkeit den darauf gebauten Schluss. Indem wir so thun, messen wir
den Worten des Dichters eine doppelte Bedeutung bei, die ihnen nicht
zukommt; sie werden fuer uns zur zutreffenden und zugleich zur
abfertigenden Antwort. Sie werden es--fuer einen Augenblick naemlich. Dann
fordert die Logik ihr Recht und zerstoert das ganze Gebaeude. Die sinnvolle
und geschickt abfertigende Antwort wird wiederum, was sie immer war, eine
sinnlose Aussage.


BEGRIFFSBESTIMMUNG UND VERSCHIEDENE FAELLE.

Verallgemeinern wir jetzt, was sich in diesen beiden Faellen ergeben hat.
Wir muessen dann sagen: witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine
Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir
sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter
der "Bedeutung" Verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage
einen _Sinn_, und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann.
Wir finden in ihr eine _Wahrheit_, die wir dann doch wiederum den
Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens
zufolge nicht darin finden koennen. Wir gestehen ihr eine ueber ihren
wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben
diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage fuer
sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess,
den die witzige Aussage in uns hervorruft, und auf dem das Gefuehl der
Komik beruht, in dem unvermittelten Uebergang von jenem Leihen,
Fuerwahrhalten, Zugestehen zum Bewusstsein oder Eindruck relativer
Nichtigkeit.

Damit haben wir den Begriff gewonnen, der den Witz und die Anschauungs-
und Situationskomik zugleich umfasst. Hier wie dort gewinnt oder besitzt
ein Bewusstseinsinhalt fuer uns einen Grad von Bedeutung oder
psychologischem Gewicht, den er dann ploetzlich verliert. Zugleich ist
auch schon angedeutet, dass hier wie dort die beiden Faelle moeglich sind:
wir leihen die Bedeutung dem Bewusstseinsinhalt, waehrend sie ihm von
Rechts wegen oder objektiv betrachtet nicht zukommt, oder: sie kommt ihm
objektiverweise zu, und wir erkennen sie auch zunaechst an, koennen aber
infolge subjektiver Gewohnheiten des Denkens nicht bei dieser
Anerkenntnis bleiben.

Das letztere gilt schon von dem oben angefuehrten Beispiele aus
_Schiller_. "Die Abteien sind geworden zu Raubteien." Diese Behauptung
ist, wie schon gesagt, sinnvoll und wahr; und wir glauben an ihre
Wahrheit. Man sehe aber, durch welches _Mittel_ uns die Wahrheit
_eindringlich_ gemacht wird. "Raubtei" ist kein gueltiges Wort der
deutschen Sprache; es kommt ihm also nach strenger Forderung der Logik
auch kein gueltiger Sinn zu. In dem speciellen Falle aber hat es fuer uns
einen Sinn, wir verstehen vollkommen, was damit gemeint ist. Der Anklang
an Abtei einerseits, an Raub andrerseits verhilft uns dazu.

Dazu kommt ein zweites Moment. Die Nebeneinanderstellung der Worte Abtei
und Raubtei, die Verwandlung des einen ins andere, ist an sich ein
blosses Spiel mit Worten, die Klangaehnlichkeit, worauf das Spiel beruht,
hat an sich keine logische Kraft. Wiederum aber gewinnt sie eine solche,
in diesem speciellen Falle. Die in der Zusammenstellung der Worte
liegende Wahrheit wird uns nicht nur verstaendlich, sondern, eben durch
den Gleichklang, sogar eindringlicher, sozusagen selbstverstaendlich. So
nahe die Worte Abtei und Raubtei lautlich zusammenhaengen, so nahe
scheinen die damit bezeichneten Dinge sachlich zusammenzuhaengen. So
leicht wir vermoege jenes Zusammenhanges aus dem Worte Abtei das Wort
Raubtei machen, so leicht und natuerlich scheint uns der Uebergang von
einem zum andern Begriff. Beide Momente bedingen die Eigenart des
komischen Prozesses. Achten wir auf das, was die Worte in ihrem
Zusammenhange sagen, so ergeben sie den Eindruck einer einleuchtenden
Wahrheit, betrachten wir sie nach ihrer Form und beurteilen diese, wie
wir nicht anders koennen, nach den gewoehnlichen Gesetzen unseres Denkens
und Sprechens, so gewinnen wir den Eindruck des Spiels mit Worten. Das
Wort Raubtei erscheint so sinnlos, wie es sonst sein wuerde, der
Gleichklang so logisch kraftlos, wie er sonst zu sein pflegt.

Die beiden hier unterschiedlichen Momente koennen auch jedes fuer sich die
Komik des Witzes begruenden. Wenn _Heine_ von jemand sagt, er sei von
einem bekannten Boersenbaron recht "famillionaer" aufgenommen worden, so
beruht die Komik dieses Witzes lediglich auf dem ersten jener beiden
Momente. Ein Wort wie "famillionaer" giebt es nicht. Wir lassen uns aber
den malitioesen Sinn, den es in dem speciellen Falle hat, gefallen; wir
verstehen, dass _Heine_ sagen will, die Aufnahme sei eine familiaere
gewesen, naemlich von der bekannten Art, die durch den Beigeschmack des
Millionaertums an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt. Dann kommt uns
doch wiederum die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Wortes zum deutlichen
Bewusstsein.

Dagegen beruht der Witz gaenzlich auf dem Verhaeltnis der Worte zu einander
bei der oben zuletzt angefuehrten _Schleiermacher_'schen Definition. Die
Frage, was fuer eine Leidenschaft die Eifersucht sei, wird beantwortet,
indem beide Worte Eifersucht und Leidenschaft auseinandergeschnitten und
die Stuecke durch Zwischenfuegung weniger, an sich unerheblicher Worte zu
einem Satze verbunden werden. Diese aeusserlich betrachtet voellig
mechanische Procedur ergiebt nichtsdestoweniger ein bedeutungsvolles und
zutreffendes gedankliches Resultat. Solange wir auf dies Resultat achten,
erscheint das Mittel, wodurch es erreicht wurde, gleichfalls
bedeutungsvoll. Es sinkt dann doch wiederum unfehlbar in seine, obgleich
nur scheinbare Nichtigkeit zurueck.

Jetzt ist deutlich ersichtlich, wie wir uns zu _Kraepelin_'s Theorie
stellen. Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so
gefasster Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern
Kontrast, oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der
Worte. Dies Ergebnis entspricht ganz dem bei der objektiven Komik
gewonnenen. Wie dort so ist hier der qualitative Vorstellungskontrast nur
insoweit von Belang, als er diesen quantitativen oder Bedeutungskontrast
vermittelt; er hat im uebrigen, wie mit der Komik ueberhaupt, so auch mit
der Komik des Witzes nichts zu thun.

Das Recht dieser letzteren Behauptung habe ich schon oben dargelegt. Ich
erinnere an die Verleumdung des erprobten Freundes. Diese Verleumdung war
trotz des staerksten Kontrastes weder witzig noch ueberhaupt komisch.
Umgekehrt entsteht die Komik des Witzes, wie die objektive, sobald ich
den von uns geforderten Bedeutungskontrast hinzufuege. So kann die
Verleumdung zunaechst durch Hinzutritt des objektiven Bedeutungskontrastes
_objektiv_ komisch werden. Der Verleumder giebt sich alle Muehe, uebersieht
aber einen Umstand, der ihn sofort widerlegt. Von einem Witze ist hier
noch keine Rede, weil die Bedingung des Witzes nicht erfuellt ist, die
darin besteht, dass die Komik an der Aussage hafte, _sofern_ sie der
Vorstellungsverbindung _zum Ausdruck dient_, und damit zugleich als
_That_ desjenigen erscheine, der die Aussage macht. Die Worte des
Verleumders sagen oder bedeuten nach ihrer Widerlegung dasselbe wie
vorher. Sie kommen in bestimmter Art zu Fall, aber dies zu Fall kommen,
das wesentlichste Moment der Komik, ist nicht durch die Worte selbst
bedingt, sondern durch jenen dem Verleumder unbekannten oder von ihm
verschwiegenen Umstand. Der Verleumder bringt es, indem er die Aussage
macht, nicht eben dadurch _zuwege_, dass ich den Eindruck einer Wahrheit
habe und dann auch wiederum nicht habe, sondern er will, dass ich den
Eindruck habe und _erlebt_ es, dass derselbe in nichts zerrinnt. Dagegen
wird die Aussage witzig, sobald die Worte selbst, ohne ein von aussen
hinzutretendes Schicksal, die Bedeutung, die sie haben oder zu haben
scheinen, doch auch wiederum nicht haben oder nicht zu haben scheinen,
sobald also der rein subjektive, von dem "Verleumder" aus eigenen Mitteln
hervorgerufene Bedeutungskontrast hinzukommt. Man sagt mir etwa, mein
Freund habe einen Eingriff in die Kasse gemacht, um dann hinzuzufuegen:
naemlich in seine eigene; er habe endlich seine Schulden bezahlt.

Andererseits kann der Vorstellungskontrast fehlen und doch, weil der
Bedeutungskontrast fuehlbar zu Tage tritt, der Witz entstehen. Man kennt
_Gellert_'s "der Bauer und sein Sohn". Der Sohn luegt, er habe einen Hund
gesehen, so gross wie ein Pferd. Diese Luege bringt ihm der Vater zum
Bewusstsein durch die Erzaehlung von der Luegenbruecke. Die Erzaehlung an
sich ist nichts weniger als witzig. Dass man auf eine Bruecke kommen
werde, auf der jeder, der an dem Tage gelogen habe, ein Bein breche, das
ist abgesehen von dem, was vorher berichtet ist, eine harmlose
Erdichtung. Sie wird erst witzig als Entgegnung auf die Behauptung des
Sohnes. Hier also muesste der Vorstellungskontrast sich finden, aber hier
gerade fehlt derselbe voellig. Achten wir nicht auf die beabsichtigte und
erreichte Wirkung, so ist alles in schoenster Ordnung. Der Vater fuegt
einfach zu einer Unwahrheit eine andere von gleichem Charakter. Es ist
sogar eine wesentliche Bedingung dieses Witzes, dass der Kontrast
zwischen der Luege des Sohnes und der des Vaters moeglichst gering sei.
Dagegen besteht ein wesentlicher Kontrast zwischen der logischen und
praktischen _Konsequenz_ der Erzaehlung des Vaters und ihrer scheinbaren
Nichtigkeit.

Freilich kann man, wenn man es darauf anlegt, dem "Vorstellungsgegensatz"
einen moeglichst unbestimmten Sinn zu geben, am Ende auch diese und
aehnliche Gegensaetze der Bedeutung oder Wirkung als Vorstellungsgegensaetze
bezeichnen. Man verwischt dann nur eben den Unterschied, auf den fuer die
Begriffsbestimmung des Witzes alles ankommt. Schwarz und weiss, Unterthan
eines Koenigs und Gegenstand eines Gedichtes, Abtei und Raeuberhoehle, das
sind wirkliche Vorstellungsgegensaetze. Von diesen ist aber der Art nach
verschieden der Gegensatz, der entsteht, indem dieselben Vorstellungen
und Vorstellungsverbindungen jetzt sinnvoll, wahr, treffend, abfertigend,
zurechtweisend, dann auch wiederum sinnlos, unwahr, nichtssagend, als
blosses Spiel erscheinen. Oder allgemeiner, von den _qualitativen_
Gegensaetzen, die zwischen den durch Worte bezeichneten Vorstellungen
stattfinden, sind durchaus verschieden die Gegensaetze des logischen oder
sachlichen _Wertes_ oder _Gewichtes_ der Worte und Wortverbindungen, bzw.
der dadurch bezeichneten Vorstellungsverbindungen.

Indessen auch damit brauchte man sich noch nicht zufrieden zu
geben. Auch der logische oder sachliche Wert der Worte und
Vorstellungsverbindungen, so koennte man sagen, ist Gegenstand unseres
Vorstellens und insofern ihr Gegensatz ein Vorstellungsgegensatz. Aber
dies waere ein schlechter Einwand. In der That entsteht der Eindruck des
Witzes eben nicht daraus, dass wir uns _vorstellen_, Vorstellungen und
Vorstellungsverbindungen erscheinen irgend jemand sinnvoll, glaubwuerdig
u. s. w., waehrend sie zugleich auch als das Gegenteil erscheinen;
vielmehr muessen wir selbst sie fuer sinnvoll halten, daran glauben, kurz
ihren Wert oder ihr Gewicht _erleben_, und dann zur gegenteiligen
Vorstellungsweise uebergehen. Der Gegensatz, um den es sich handelt, und
schliesslich einzig und allein handelt, ist ein Gegensatz der
thatsaechlichen _Wirkung in uns_, des Eindrucks, den _wir erfahren_,
allgemein gesagt der Art, wie Vorstellungen, sie moegen sich inhaltlich zu
einander verhalten wie sie wollen, _in uns auftreten_ oder _uns in
Anspruch nehmen_. Dies ist auch bei dem obigen Beispiel deutlich genug.
Der Eindruck jenes Witzes waere voellig dahin, wenn wir zwar wuessten, dass
der Sohn das Gewicht der vaeterlichen Worte empfaende, er selbst aber nicht
mitempfaenden und dann doch wiederum von dem Gewicht befreit wuerden.

Vielleicht haette der _Gellert_'sche Bauer, dessen witzige Ueberfuehrung
seines Sohnes uns hier beschaeftigte, seinen Zweck--witzig oder
witzlos--auch auf kuerzerem Wege erreichen koennen. Darum bleibt doch der
Satz _Jean Paul_'s, Kuerze sei die Seele des Witzes, ja dieser selbst, zu
Recht bestehen. Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber
immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach strenger Logik oder
gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht genuegen. Er kann es schliesslich
geradezu sagen, indem er es verschweigt.. So ein bekannter Witz
_Heine_'s. Der Boersenbaron, der so oft das Opfer seines Witzes geworden
ist, wundert sich, dass die Seine oberhalb Paris so rein, unterhalb so
schmutzig sei. _Heine_ erwidert: O, Ihr Vater ist ja auch ein ganz
ehrlicher Mann gewesen. Hier findet sich kein Vorstellungsgegensatz, der,
sei es auch indirekt, den Witz begruenden koennte; weder in dem, was
_Heine_ sagt, noch zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Man
braucht, um sich davon zu ueberzeugen, nur, was er meint, zu ergaenzen:
dass die Seine oberhalb Paris rein, unterhalb schmutzig ist, ist so wenig
zu verwundern als dass Ihr Vater ein ehrlicher Mann war und Sie es nicht
mehr sind. Ein Kontrast entsteht erst dadurch, dass _Heine_, was er nicht
sagt, doch deutlich zu verstehen giebt, dass also wir seinen Worten eine
Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen
koennen.


WITZIGE HANDLUNGEN.

Nur von der witzigen Aussage war im bisherigen die Rede, waehrend die
moeglichen anderen Arten des Witzes, die witzigen Handlungen und Gebaerden
ausser Betracht blieben. Ich liess sie ausser Betracht, weil _Kraepelin_
sie vernachlaessigt. Dennoch giebt es dergleichen. _Kraepelin_ selbst ruehrt
daran, wo er den bekannten Witz des _Diogenes_ anfuehrt, der am hellen
Tage mit einer Laterne Menschen sucht. Dabei entgeht ihm nur eben der
Witz der Handlung. Er sucht den Witz lediglich in der Aussage des
_Diogenes_, er suche Menschen, speciell in der Doppelbedeutung des Wortes
Mensch. _Diogenes_ meine vernuenftige Menschen, waehrend nach der gemeinen
Bedeutung des Wortes jedes Exemplar der menschlichen Gattung darunter
verstanden werde. Aber der Witz bleibt auch, wenn wir diesen Doppelsinn
streichen und _Diogenes_ sagen lassen, er suche vernuenftige Menschen. Die
Aussage selbst ist dann nicht mehr witzig; der Witz muss also an der
Handlung haften, die durch die Aussage nur interpretiert wird. Er haftet
daran, insofern die Handlung eine eindringliche Wahrheit verkuendet,
waehrend sie doch an sich unsinnig und darum nach gemeiner Anschauung zum
Traeger einer Wahrheit durchaus ungeeignet scheint.

Voellig analog verhaelt es sich mit der witzigen Handlung, die _Hecker_
anfuehrt und als solche anerkennt. Ein italienischer Maler hat fuer ein
Kloster ein Abendmahl zu malen. Waehrend der Arbeit erfaehrt er allerlei
Chikanen von Seiten des Priors. Dafuer raecht er sich, indem er dem Judas
die Zuege des Priors leiht. Fuer _Hecker_ beruht die Komik dieses Witzes
darauf, dass die Unvereinbarkeit der beiden Vorstellungen--Judas und der
Prior--beleidigt, waehrend zugleich die Erkenntnis der zwischen beiden
bestehenden Aehnlichkeit eine gewisse Befriedigung gewaehrt. Waere diese
Erklaerung richtig, so muesste es auch witzig erscheinen, wenn der Maler
seinem Christus einzelne Zuege von einem besonders frommen Klosterbruder
geliehen haette, oder wenn _A. Duerer_ thatsaechlich seine Christusgestalten
sich aehnlich bildet. Auch _Duerer_ und Christus sind ja unvereinbare
Vorstellungsinhalte und auch bei Betrachtung der _Duerer_'schen
Christusgestalten gewaehrt die Erkenntnis der Aehnlichkeit eine gewisse
Befriedigung. In der That beruht der Witz des italienischen Malers
darauf, dass der Maler dem Prior seine Meinung sagt durch ein Mittel, das
an sich voellig harmlos erscheint. Was kann ich dafuer, so haette er dem
Prior gegenueber sich verantworten koennen, wenn mir deine Zuege gerade fuer
meinen Judas passen. Er konnte die Uebereinstimmung sogar fuer ein blosses
Spiel des Zufalls erklaeren. Solche Spiele des Zufalls giebt es ja. In
jedem Falle beweist es nichts gegen den Charakter eines Menschen, wenn er
mit dem Bilde eines Verraeters aeusserliche Aehnlichkeit hat. Aber hier
freilich beweist es alles, nicht nach strenger Logik, aber fuer den
unmittelbaren Eindruck. Eben diesen zerstoert dann die Logik wiederum.

Verallgemeinern wir das Ergebnis, so erscheint die Komik der witzigen
Handlung an dieselbe Bedingung gebunden, wie die der witzigen Aussage.
Beide sagen etwas und sagen es auch nicht. Die Worte sind "Zeichen"
dessen, was sie sagen. Auch die Handlungen--und ebenso natuerlich die
Gebaerden--kommen fuer den Witz nur in Betracht, insoweit sie Zeichen sind.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 | 23 | 24 | 25 | 26

The Blackbird of Belfast Lough keeps singing
Jean Hannah Edelstein: Left-leaning Americans should welcome books from Sarah Palin and Joe the Plumber

Alison Flood: Is this the end of misery memoirs?
Inspired by a much-translated 9th-century Irish lyric, The Blackbird at Belfast Lough, the Seamus Heaney Centre for Poetry is putting on an exhibition of specially-commissioned depictions of its emblem, the blackbird

Reworked novel by Peter Matthiesson takes National book award
Alison Flood: After years at the top of bestseller lists, misery memoirs are losing their appeal. Are they about to become just a bad memory?

Copyright (c) 2007. booksboost.com. All rights reserved.