Immensee by Theodor W. Storm
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Theodor W. Storm >> Immensee
Delphine Lettau, Charles Franks, and the Online Distributed Proofreading
Team.
IMMENSEE
VON
THEODOR W. STORM
VORREDE
Wir befinden uns am Anfang einer neuen Aera, deren hauptsaechliches
Kennzeichen hoffentlich eine allgemeine Annaeherung der Nationen unter
einander sein wird. Immer mehr wird es als Notwendigkeit empfunden,
dass wir uns gegenseitig besser kennen und verstehen lernen. Daraus
ergiebt sich, dass das Erlernen der fremden Sprachen immer eine
wichtigere Rolle spielen wird; denn soweit die Sprache, die Literatur
und die Musik in Betracht kommen, kann man mit vollem Recht behaupten:
fas est et ab hoste doceri.
Also werden diejenigen, welche sich mit der Sprache irgend eines
Nachbarvolkes vertraut machen wollen, oder ihre vor laengerer Zeit
erworbenen Kenntnisse schon teilweise verlernt haben sollten, diese
Ausgabe willkommen heissen, welche sie in den Stand setzen wird,
derartigen Sprachstudien die Zeit zu widmen, ueber welche sie im Laufe
des Tages fuer solche Zwecke verfuegen koennen, ohne auf grosse und
schwere Woerterbuecher angewiesen zu sein.
Die Wahl der Texte hat nicht nur ihr literarischer Wert beeinflusst,
sondern auch die Nuetzlichkeit ihres Wortschatzes, und gleicherweise im
Bezug auf die Uebersetzungen wurde es bezweckt, mit einem vornehmen
Stil die moeglichste Worttreue zu vereinigen.
EINLEITUNG
THEODOR W. STORM, Dichter und Novellist (1817-1888), stammte aus
Schleswig, liess sich 1842 als Advokat in seiner Vaterstadt Husum
nieder, verlor aber 1853 als "Deutschgesinnter" sein Amt, und musste
sich nach Deutschland wenden. Erst 1864 durfte er nach Husum
zurueckkehren, wo er 1874 zum Oberamtsrichter befoerdert wurde.
Schon 1843 machte er sich als Lyriker und Romantiker bekannt, nahm aber
erst als Novellist eine hervorragende Stellung ein, und zwar als er
1852 mit der Erzaehlung
Immensee aufs gluecklichste debuetierte.
In der langen Reihe von phantasie- und gemuetsreichen Novellen, die
darauf folgten, und deren Stoff meist aus dem laendlichen und
buergerlichen Kleinleben seiner naechsten Umgebung entnommen ist, hat
er nichts geschrieben, das diese anmutige Erzaehlung an Tiefe und
Zartheit der Empfindung uebertrifft; und ist die deutsche Literatur an
Novellendichtung ausserordentlich reich, so zaehlt doch Storm
ueberhaupt noch heute unter den Meistern.
DER ALTE
An einem Spaetherbstnachmittage ging ein alter wohlgekleideter Mann
langsam die Strasse hinab. Er schien von einem Spaziergange nach Hause
zurueckzukehren, denn seine Schnallenschuhe, die einer
voruebergegangenen Mode angehoerten, waren bestaeubt.
Den langen Rohrstock mit goldenem Knopf trug er unter dem Arm; mit
seinen dunklen Augen, in welche sich die ganze verlorene Jugend
gerettet zu haben schien, und welche eigentuemlich von den
schneeweissen Haaren abstachen, sah er ruhig umher oder in die Stadt
hinab, welche im Abendsonnendufte vor ihm lag.
Er schien fast ein Fremder, denn von den Voruebergehenden gruessten ihn
nur wenige, obgleich mancher unwillkuerlich in diese ernsten Augen zu
sehen gezwungen wurde.
Endlich stand er vor einem hohen Giebelhause still, sah noch einmal in
die Stadt hinaus und trat dann in die Hausdiele. Bei dem Schall der
Tuerglocke wurde drinnen in der Stube von einem Guckfenster, welches
nach der Diele hinausging, der gruene Vorhang weggeschoben und das
Gesicht einer alten Frau dahinter sichtbar. Der Mann winkte ihr mit
seinem Rohrstock.
"Noch kein Licht!" sagte er in einem etwas suedlichen Akzent, und die
Haushaelterin liess den Vorhang wieder fallen.
Der Alte ging nun ueber die weite Hausdiele, durch einen Pesel, wo
grosse eichene Schraenke mit Porzellanvasen an den Waenden standen;
durch die gegenueberstehende Tuer trat er in einen kleinen Flur, von wo
aus eine enge Treppe zu den obern Zimmern des Hinterhauses fuehrte. Er
stieg sie langsam hinauf, schloss oben eine Tuer auf und trat dann in
ein maessig grosses Zimmer.
Hier war es heimlich und still; die eine Wand war fast mit Repositorien
und Buecherschraenken bedeckt, an den andern hingen Bilder von Menschen
und Gegenden; vor einem Tisch mit gruener Decke, auf dem einzelne
aufgeschlagene Buecher umherlagen, stand ein schwerfaelliger Lehnstuhl
mit rotem Samtkissen.
Nachdem der Alte Hut und Stock in die Ecke gestellt hatte, setzte er
sich in den Lehnstuhl und schien mit gefalteten Haenden von seinem
Spaziergange auszuruhen. Wie er so sass, wurde es allmaehlich dunkler;
endlich fiel ein Mondstrahl durch die Fensterscheiben auf die Gemaelde
an der Wand, und wie der helle Streif langsam weiter rueckte, folgten
die Augen des Mannes unwillkuerlich.
Nun trat er ueber ein kleines Bild in schlichtem schwarzem Rahmen.
"Elisabeth!" sagte der Alte leise; und wie er das Wort gesprochen, war
die Zeit verwandelt: er war in seiner Jugend.
* * * * *
DIE KINDER
Bald trat die anmutige Gestalt eines kleinen Maedchens zu ihm. Sie
hiess Elisabeth und mochte fuenf Jahre zaehlen, er selbst war doppelt
so alt. Um den Hals trug sie ein rotseidenes Tuechelchen; das liess ihr
huebsch zu den braunen Augen.
"Reinhard!" rief sie, "wir haben frei, frei! den ganzen Tag keine
Schule, und morgen auch nicht."
Reinhard stellte die Rechentafel, die er schon unterm Arm hatte, flink
hinter die Haustuer, und dann liefen beide Kinder durchs Haus in den
Garten und durch die Gartenpforte hinaus auf die Wiese. Die
unverhofften Ferien kamen ihnen herrlich zustatten.
Reinhard hatte hier mit Elisabeths Hilfe ein Haus aus Rasenstuecken
aufgefuehrt; darin wollten sie die Sommerabende wohnen; aber es fehlte
noch die Bank. Nun ging er gleich an die Arbeit; Naegel, Hammer und die
noetigen Bretter waren schon bereit.
Waehrend dessen ging Elisabeth an dem Wall entlang und sammelte den
ringfoermigen Samen der wilden Malve in ihre Schuerze; davon wollte sie
sich Ketten und Halsbaender machen; und als Reinhard endlich trotz
manches krumm geschlagenen Nagels seine Bank dennoch zustande gebracht
hatte und nun wieder in die Sonne hinaustrat, ging sie schon weit davon
am andern Ende der Wiese.
"Elisabeth!" rief er, "Elisabeth!" und da kam sie, und ihre Locken
flogen.
"Komm," sagte er, "nun ist unser Haus fertig. Du bist ja ganz heiss
geworden; komm herein, wir wollen uns auf die neue Bank setzen. Ich
erzaehl' dir etwas."
Dann gingen sie beide hinein und setzten sich auf die neue Bank.
Elisabeth nahm ihre Ringelchen aus der Schuerze und zog sie auf lange
Bindfaeden; Reinhard fing an zu erzaehlen: "Es waren einmal drei
Spinnfrauen--" [Fussnote: So faengt ein wohlbekanntes Maerchen von den
Gebruedern Grimm an.]
"Ach," sagte Elisabeth, "das weiss ich ja auswendig; du musst auch
nicht immer dasselbe erzaehlen."
Da musste Reinhard die Geschichte von den drei Spinnfrauen stecken
lassen, und statt dessen erzaehlte er die Geschichte von dem armen
Mann, der in die Loewengrube geworfen war.
"Nun war es Nacht," sagte er, "weisst du? ganz finstere, und die Loewen
schliefen. Mitunter aber gaehnten sie im Schlaf und reckten die roten
Zungen aus; dann schauderte der Mann und meinte, dass der Morgen komme.
Da warf es um ihn her auf einmal einen hellen Schein, und als er
aufsah, stand ein Engel vor ihm. Der winkte ihm mit der Hand und ging
dann gerade in die Felsen hinein."
Elisabeth hatte aufmerksam zugehoert. "Ein Engel?" sagte sie: "Hatte er
denn Fluegel?"
"Es ist nur so eine Geschichte," antwortete Reinhard; "es gibt ja gar
keine Engel."
"O pfui, Reinhard!" sagte sie und sah ihm starr ins Gesicht.
Als er sie aber finster anblickte, fragte sie ihn zweifelnd: "Warum
sagen sie es denn immer? Mutter und Tante und auch in der Schule?"
"Das weiss ich nicht," antwortete er.
"Aber du," sagte Elisabeth, "gibt es denn auch keine Loewen?"
"Loewen? Ob es Loewen gibt? In Indien; da spannen die Goetzenpriester
sie vor den Wagen und fahren mit ihnen durch die Wueste. Wenn ich gross
bin, will ich einmal selber hin. Da ist es viel tausendmal schoener als
hier bei uns; da gibt es gar keinen Winter. Du musst auch mit mir.
Willst du?"
"Ja," sagte Elisabeth; "aber Mutter muss dann auch mit, und deine
Mutter auch."
"Nein," sagte Reinhard, "die sind dann zu alt, die koennen nicht mit."
"Ich darf aber nicht allein."
"Du sollst schon duerfen; du wirst dann wirklich meine Frau, und dann
haben die andern dir nichts zu befehlen."
"Aber meine Mutter wird weinen."
"Wir kommen ja wieder," sagte Reinhard heftig; "sag es nur gerade
heraus, willst du mit mir reisen? Sonst geh' ich allein, und dann komme
ich nimmer wieder."
Der Kleinen kam das Weinen nahe. "Mach nur nicht so boese Augen," sagte
sie; "ich will ja mit nach Indien."
Reinhard fasste sie mit ausgelassener Freude bei beiden Haenden und zog
sie hinaus auf die Wiese.
"Nach Indien, nach Indien!" sang er und schwenkte sich mit ihr im
Kreise, dass ihr das rote Tuechelchen vom Halse flog. Dann aber liess
er sie ploetzlich los und sagte ernst:
"Es wird doch nichts daraus werden; du hast keine Courage."
"Elisabeth! Reinhard!" rief es jetzt von der Gartenpforte. "Hier!
Hier!" antworteten die Kinder und sprangen Hand in Hand nach Hause.
* * * * *
IM WALDE
So lebten die Kinder zusammen; sie war ihm oft zu still, er war ihr oft
zu heftig, aber sie liessen deshalb nicht von einander; fast alle
Freistunden teilten sie: winters in den beschraenkten Zimmern ihrer
Muetter, sommers in Busch und Feld.
Als Elisabeth einmal in Reinhards Gegenwart von dem Schullehrer
gescholten wurde, stiess er seine Tafel zornig auf den Tisch, um den
Eifer des Mannes auf sich zu lenken. Es wurde nicht bemerkt.
Aber Reinhard verlor alle Aufmerksamkeit an den geographischen
Vortraegen; statt dessen verfasste er ein langes Gedicht; darin
verglich er sich selbst mit einem jungen Adler, den Schulmeister mit
einer grauen Kraehe, Elisabeth war die weisse Taube; der Adler gelobte
an der grauen Kraehe Rache zu nehmen, sobald ihm die Fluegel gewachsen
sein wuerden.
Dem jungen Dichter standen die Traenen in den Augen; er kam sich sehr
erhaben vor. Als er nach Hause gekommen war, wusste er sich einen
kleinen Pergamentband mit vielen weissen Blaettern zu verschaffen; auf
die ersten Seiten schrieb er mit sorgsamer Hand sein erstes Gedicht.
Bald darauf kam er in eine andere Schule; hier schloss er manche neue
Kameradschaft mit Knaben seines Alters, aber sein Verkehr mit Elisabeth
wurde dadurch nicht gestoert. Von den Maerchen, welche er ihr sonst
erzaehlt und wieder erzaehlt hatte, fing er jetzt an, die, welche ihr
am besten gefallen hatten, aufzuschreiben; dabei wandelte ihn oft die
Lust an, etwas von seinen eigenen Gedanken hineinzudichten; aber, er
wusste nicht weshalb, er konnte immer nicht dazu gelangen.
So schrieb er sie genau auf, wie er sie selber gehoert hatte. Dann gab
er die Blaetter an Elisabeth, die sie in einem Schubfach ihrer
Schatulle sorgfaeltig aufbewahrte; und es gewaehrte ihm eine anmutige
Befriedigung, wenn er sie mitunter abends diese Geschichtchen in seiner
Gegenwart aus den von ihm geschriebenen Heften ihrer Mutter vorlesen
hoerte.
Sieben Jahre waren vorueber. Reinhard sollte zu seiner weitern
Ausbildung die Stadt verlassen. Elisabeth konnte sich nicht in den
Gedanken finden, dass es nun eine Zeit ganz ohne Reinhard geben werde.
Es freute sie, als er ihr eines Tages sagte, er werde, wie sonst,
Maerchen fuer sie aufschreiben; er wolle sie ihr mit den Briefen an
seine Mutter schicken; sie muesse ihm dann wieder schreiben, wie sie
ihr gefallen haetten.
Die Abreise rueckte heran; vorher aber kam noch mancher Reim in den
Pergamentband. Das allein war fuer Elisabeth ein Geheimnis, obgleich
sie die Veranlassung zu dem ganzen Buche und zu den meisten Liedern
war, welche nach und nach fast die Haelfte der weissen Blaetter
gefuellt hatten.
Es war im Juni; Reinhard sollte am andern Tage reisen. Nun wollte man
noch einmal einen festlichen Tag zusammen begehen. Dazu wurde eine
Landpartie nach einer der nahe gelegenen Holzungen in groesserer
Gesellschaft veranstaltet.
Der stundenlange Weg bis an den Saum des Waldes wurde zu Wagen
zurueckgelegt; dann nahm man die Proviantkoerbe herunter und
marschierte weiter. Ein Tannengehoelz musste zuerst durchwandert
werden; es war kuehl und daemmerig und der Boden ueberall mit feinen
Nadeln bestreut.
Nach halbstuendigem Wandern kam man aus dem Tannendunkel in eine
frische Buchenwaldung; hier war alles licht und gruen; mitunter brach
ein Sonnenstrahl durch die blaetterreichen Zweige; ein Eichkaetzchen
sprang ueber ihren Koepfen von Ast zu Ast.
Auf einem Platze, ueber welchem uralte Buchen mit ihren Kronen zu einem
durchsichtigen Laubgewoelbe zusammenwuchsen, machte die Gesellschaft
Halt. Elisabeths Mutter oeffnete einen der Koerbe; ein alter Herr warf
sich zum Proviantmeister auf.
"Alle um mich herum, ihr jungen Voegel!" rief er, "und merket genau,
was ich euch zu sagen habe. Zum Fruehstueck erhaelt jetzt ein jeder von
euch zwei trockene Wecken; die Butter ist zu Hause geblieben; die
Zukost muss sich ein jeder selber suchen. Es stehen genug Erdbeeren im
Walde, das heisst, fuer den, der sie zu finden weiss. Wer ungeschickt
ist, muss sein Brot trocken essen; so geht es ueberall im Leben. Habt
ihr meine Rede begriffen?"
"Ja wohl!" riefen die Jungen.
"Ja, seht," sagte der Alte, "sie ist aber noch nicht zu Ende. Wir Alten
haben uns im Leben schon genug umhergetrieben; darum bleiben wir jetzt
zu Haus, das heisst, hier unter diesen breiten Baeumen, und schaelen
die Kartoffeln und machen Feuer und ruesten die Tafel, und wenn die Uhr
zwoelf ist, so sollen auch die Eier gekocht werden.
"Dafuer seid ihr uns von euren Erdbeeren die Haelfte schuldig, damit
wir auch einen Nachtisch servieren koennen. Und nun geht nach Ost und
West und seid ehrlich."
Die Jungen machten allerlei schelmische Gesichter.
"Halt!" rief der alte Herr noch einmal. "Das brauche ich euch wohl
nicht zu sagen, wer keine findet, braucht auch keine abzuliefern; aber
das schreibt euch wohl hinter eure feinen Ohren, von uns Alten bekommt
er auch nichts. Und nun habt ihr fuer diesen Tag gute Lehren genug;
wenn ihr nun noch Erdbeeren dazu habt, so werdet ihr fuer heute schon
durchs Leben kommen."
Die Jungen waren derselben Meinung und begannen sich paarweise auf die
Fahrt zu machen.
"Komm, Elisabeth," sagte Reinhard, "ich weiss einen Erdbeerenschlag; du
sollst kein trockenes Brot essen."
Elisabeth knuepfte die gruenen Baender ihres Strohhuts zusammen und
hing ihn ueber den Arm. "So komm," sagte sie, "der Korb ist fertig."
Dann gingen sie in den Wald hinein, tiefer und tiefer; durch feuchte
Baumschatten, wo alles still war, nur unsichtbar ueber ihnen in den
Lueften das Geschrei der Falken; dann wieder durch dichtes Gestruepp,
so dicht, dass Reinhard vorangehen musste, um einen Pfad zu machen,
hier einen Zweig zu knicken, dort eine Ranke beiseite zu biegen. Bald
aber hoerte er hinter sich Elisabeth seinen Namen rufen. Er wandte sich
um.
"Reinhard!" rief sie, "warte doch, Reinhard!"
Er konnte sie nicht gewahr werden; endlich sah er sie in einiger
Entfernung mit den Straeuchern kaempfen; ihr feines Koepfchen schwamm
nur kaum ueber den Spitzen der Farnkraeuter. Nun ging er noch einmal
zurueck und fuehrte sie durch das Wirrnis der Kraeuter und Stauden auf
einen freien Platz hinaus, wo blaue Falter zwischen den einsamen
Waldblumen flatterten.
Reinhard strich ihr die feuchten Haare aus dem erhitzten Gesichtchen;
dann wollte er ihr den Strohhut aufsetzen, und sie wollte es nicht
leiden; aber dann bat er sie, und nun liess sie es doch geschehen.
"Wo bleiben denn aber deine Erdbeeren?" fragte sie endlich, indem sie
stehen blieb und einen tiefen Atemzug tat.
"Hier haben sie gestanden," sagte er, "aber die Kroeten sind uns
zuvorgekommen oder die Marder oder vielleicht die Elfen."
"Ja," sagte Elisabeth, "die Blaetter stehen noch da; aber sprich hier
nicht von Elfen. Komm nur, ich bin noch gar nicht muede; wir wollen
weiter suchen."
Vor ihnen war ein kleiner Bach, jenseits wieder der Wald. Reinhard hob
Elisabeth auf seine Arme und trug sie hinueber. Nach einer Weile traten
sie aus dem schattigen Laube wieder in eine weite Lichtung hinaus.
"Hier muessen Erdbeeren sein," sagte das Maedchen, "es duftet so suess.
Sie gingen suchend durch den sonnigen Raum; aber sie fanden keine.
"Nein," sagte Reinhard, "es ist nur der Duft des Heidekrautes."
Himbeerbuesche und Huelsendorn standen ueberall durcheinander, ein
starker Geruch von Heidekraeutern, welche abwechselnd mit kurzem Grase
die freien Stellen des Bodens bedeckten, erfuellte die Luft.
"Hier ist es einsam," sagte Elisabeth; "wo moegen die andern sein?"
An den Rueckweg hatte Reinhard nicht gedacht.
"Warte nur: woher kommt der Wind?" sagte er und hob seine Hand in die
Hoehe. Aber es kam kein Wind.
"Still," sagte Elisabeth, "mich duenkt, ich hoerte sie sprechen. Rufe
einmal dahinunter."
Reinhard rief durch die hohle Hand. "Kommt hierher!"
"Hierher!" rief es zurueck.
"Sie antworteten!" sagte Elisabeth und klatschte in die Haende.
"Nein, es war nichts, es war nur der Widerhall."
Elisabeth fasste Reinhards Hand. "Mir graut!" sagte sie.
"Nein," sagte Reinhard, "das muss es nicht. Hier ist es praechtig. Setz
dich dort in den Schatten zwischen die Kraeuter. Lass uns eine Weile
ausruhen; wir finden die andern schon."
Elisabeth setzte sich unter eine ueberhaengende Buche und lauschte
aufmerksam nach allen Seiten; Reinhard sass einige Schritte davon auf
einem Baumstumpf und sah schweigend nach ihr hinueber.
Die Sonne stand gerade ueber ihnen; es war gluehende Mittagshitze;
kleine goldglaenzende, stahlblaue Fliegen standen fluegelschwingend in
der Luft; rings um sie her ein feines Schwirren und Summen, und
manchmal hoerte man tief im Walde das Haemmern der Spechte und das
Kreischen der andern Waldvoegel.
"Horch," sagte Elisabeth, "es laeutet."
"Wo?" fragte Reinhard.
"Hinter uns. Hoerst du? Es ist Mittag."
"Dann liegt hinter uns die Stadt, und wenn wir in dieser Richtung
gerade durchgehen, so muessen wir die andern treffen."
So traten sie ihren Rueckweg an; das Erdbeerensuchen hatten sie
aufgegeben, denn Elisabeth war muede geworden. Endlich klang zwischen
den Baeumen hindurch das Lachen der Gesellschaft; dann sahen sie auch
ein weisses Tuch am Boden schimmern, das war die Tafel, und darauf
standen Erdbeeren in Huelle und Fuelle.
Der alte Herr hatte eine Serviette im Knopfloch und hielt den Jungen
die Fortsetzung seiner moralischen Reden, waehrend er eifrig an einem
Braten herumtranchierte.
"Da sind die Nachzuegler," riefen die Jungen, als sie Reinhard und
Elisabeth durch die Baeume kommen sahen.
"Hierher!" rief der alte Herr, "Tuecher ausgeleert, Huete umgekehrt!
Nun zeigt her, was ihr gefunden habt."
"Hunger und Durst!" sagte Reinhard.
"Wenn, das alles ist," erwiderte der Alte und hob ihnen die volle
Schuessel entgegen, "so muesst ihr es auch behalten. Ihr kennt die
Abrede; hier werden keine Muessiggaenger gefuettert."
Endlich liess er sich aber doch erbitten, und nun wurde Tafel gehalten;
dazu schlug die Drossel aus den Wacholderbueschen.
So ging der Tag hin.--Reinhard hatte aber doch etwas gefunden; waren es
keine Erdbeeren, so war es doch auch im Walde gewachsen. Als er nach
Hause gekommen war, schrieb er in seinen alten Pergamentband:
Hier an der Bergeshalde
Verstummet ganz der Wind;
Die Zweige haengen nieder,
Darunter sitzt das Kind
Sie sitzt im Thymiane,
Sie sitzt in lauter Duft;
Die blauen Fliegen summen
Und blitzen durch die Luft.
Es steht der Wald so schweigend,
Sie schaut so klug darein;
Um ihre braunen Locken
Hinfliesst der Sonnenschein.
Der Kuckuck lacht von ferne,
Es geht mir durch den Sinn:
Sie hat die goldnen Augen
Der Waldeskoenigin.
So war sie nicht allein sein Schuetzling, sie war ihm auch der Ausdruck
fuer alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens.
* * * * *
DA STAND DAS KIND AM WEGE
Weihnachtsabend kam heran. Es war noch nachmittags, als Reinhard mit
andern Studenten im Ratskeller [Fussnote: Oder Rathauskeller. In fast
jeder grossen Stadt Deutschlands ist der Rathauskeller in ein Speise-
und Bierhaus verwandelt worden.] am alten Eichentisch zusammensass. Die
Lampen an den Waenden waren angezuendet, denn hier unten daemmerte es
schon; aber die Gaeste waren sparsam versammelt, die Kellner lehnten
muessig an den Mauerpfeilern.
In einem Winkel des Gewoelbes sassen ein Geigenspieler und ein
Zithermaedchen mit feinen zigeunerhaften Zuegen; sie hatten ihre
Instrumente auf dem Schoss liegen und schienen teilnahmslos vor sich
hinzusehen.
Am Studententische knallte ein Champagnerpfropfen. "Trinke, mein
boehmisch Liebchen!" rief ein junger Mann von junkerhaftem AEussern,
indem er ein volles Glas zu dem Maedchen hinueberreichte.
"Ich mag nicht," sagte sie, ohne ihre Stellung zu veraendern.
"So singe!" rief der Junker und warf ihr eine Silbermuenze in den
Schoss. Das Maedchen strich sich langsam mit den Fingern durch ihr
schwarzes Haar, waehrend der Geigenspieler ihr ins Ohr fluesterte; aber
sie warf den Kopf zurueck und stuetzte das Kinn auf ihre Zither.
"Fuer den spiel' ich nicht," sagte sie.
Reinhard sprang mit dem Glase in der Hand auf und stellte sich vor sie.
"Was willst du?" fragte sie trotzig.
"Deine Augen sehen."
"Was geh'n dich meine Augen an?"
Reinhard sah funkelnd auf sie nieder.
"Ich weiss wohl, sie sind falsch!"
Sie legte ihre Wange in die flache Hand und sah ihn lauernd an.
Reinhard hob sein Glas an den Mund.
"Auf deine schoenen suendhaften Augen!" sagte er und trank.
Sie lachte und warf den Kopf herum.
"Gib!" sagte sie, und indem sie ihre schwarzen Augen in die seinen
heftete, trank sie langsam den Rest. Dann griff sie einen Dreiklang und
sang mit tiefer leidenschaftlicher Stimme:
Heute, nur heute
Bin ich so schoen
Morgen, ach morgen
Muss alles vergeh'n!
Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein!
Waehrend der Geigenspieler in raschem Tempo das Nachspiel einsetzte,
gesellte sich ein neuer Ankoemmling zu der Gruppe.
"Ich wollte dich abholen, Reinhard," sagte er. "Du warst schon fort;
aber das Christkind war bei dir eingekehrt."
"Das Christkind?" sagte Reinhard, "das kommt nicht mehr zu mir."
"Ei was! Dein ganzes Zimmer roch nach Tannenbaum und braunen Kuchen."
Reinhard setzte das Glas aus seiner Hand und griff nach seiner Muetze.
"Was willst du?" fragte das Maedchen.
"Ich komme schon wieder."
Sie runzelte die Stirn. "Bleib!" rief sie leise und sah ihn vertraulich
an.
Reinhard zoegerte. "Ich kann nicht," sagte er.
Sie stiess ihn lachend mit der Fussspitze. "Geh!" sagte sie, "du taugst
nichts; ihr taugt alle mit einander nichts." Und waehrend sie sich
abwandte, stieg Reinhard langsam die Kellertreppe hinauf.
Draussen auf der Strasse war es tiefe Daemmerung; er fuehlte die
frische Winterluft an seiner heissen Stirn. Hier und da fiel der helle
Schein eines brennenden Tannenbaums aus den Fenstern, dann und wann
hoerte man von drinnen das Geraeusch von kleinen Pfeifen und
Blechtrompeten und dazwischen jubelnde Kinderstimmen.
Scharen von Bettelkindern gingen von Haus zu Haus oder stiegen auf die
Treppengelaender und suchten durch die Fenster einen Blick in die
versagte Herrlichkeit zu gewinnen. Mitunter wurde auch eine Tuer
ploetzlich aufgerissen, und scheltende Stimmen trieben einen ganzen
Schwarm solcher kleinen Gaeste aus dem hellen Hause auf die dunkle
Gasse hinaus; anderswo wurde auf dem Hausflur ein altes Weihnachtslied
gesungen; es waren klare Maedchenstimmen darunter.
Reinhard hoerte sie nicht, er ging rasch an allem vorueber, aus einer
Strasse in die andere. Als er an seine Wohnung gekommen, war es fast
voellig dunkel geworden; er stolperte die Treppe hinauf und trat in
seine Stube.
Ein suesser Duft schlug ihm entgegen; das heimelte ihn an, das roch wie
zu Haus der Mutter Weihnachtsstube. Mit zitternder Hand zuendete er
sein Licht an; da lag ein maechtiges Paket auf dem Tisch, und als er es
oeffnete, fielen die wohlbekannten braunen Festkuchen heraus; auf
einigen waren die Anfangsbuchstaben seines Namens in Zucker
ausgestreut; das konnte niemand anders als Elisabeth getan haben.
Dann kam ein Paeckchen mit feiner gestickter Waesche zum Vorschein,
Tuecher und Manschetten, zuletzt Briefe von der Mutter und Elisabeth.
Reinhard oeffnete zuerst den letzteren; Elisabeth schrieb:
"Die schoenen Zuckerbuchstaben koennen Dir wohl erzaehlen, wer bei den
Kuchen mitgeholfen hat; dieselbe Person hat die Manschetten fuer Dich
gestickt. Bei uns wird es nun am Weihnachtsabend sehr still werden;
meine Mutter stellt immer schon um halb zehn ihr Spinnrad in die Ecke;
es ist gar so einsam diesen Winter, wo Du nicht hier bist.
"Nun ist auch vorigen Sonntag der Haenfling gestorben, den Du mir
geschenkt hattest; ich habe sehr geweint, aber ich hab' ihn doch immer
gut gewartet.