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Complete Mitteilungen aus den Memoiren des Satan by Wilhelm Hauff

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Sie koennen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon waehrend seiner
Erzaehlung empfand, und als ich das ganze Unglueck erfahren hatte, stand
ich wie vernichtet. Der Gesandte verliess mich, um zu der Gesellschaft
zurueckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
moechte niemand etwas von diesen Verhaeltnissen wissen lassen; das Warum
versprach ich ihm ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
uebersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
Anblick! Sie schien so ruhig, so gluecklich. Der Friede ihrer schoenen
Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
blaues Auge glaenzte, vielleicht von der Erwartung einer schoenen
Abendstunde, und das Laecheln, das ihren Mund umschwebte, schien der
Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
war mir nicht moeglich, diesen Anblick laenger zu ertragen, ich eilte
ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdraengen; aber wie
war es moeglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurueck;
denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
suesse Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
Horizont schwaerzlich auftuermten und ein naechtliches Gewitter
verkuendeten, hingen sie nicht ueber der friedlichen Landschaft wie das
Unglueck, das Luisen drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung moeglich sei, ob
ich sie nicht losmachen koenne von dieser schrecklichen Verbindung.
Doch, war nicht zu befuerchten, dass sie mir misstrauen werde? Sie wusste,
ich liebe sie; kannte sie mich hinlaenglich, um nicht an der Reinheit
meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht ueber mich gewinnen,
ihr selbst ihr Unglueck zu verkuenden. Nur einen Ausweg glaubte ich
offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen gluecklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst musste ihr sagen, dass er nicht mehr
verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
sie zwar ungluecklich sein, aber ich will versuchen, sie gluecklich zu
machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
Unglueck zu mildern suchen."

"Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, ueber diese romantischen
Ideen unwillkuerlich laechelnd, "wie konnten Sie glauben, Freund, dass
ein Kapitaen West zu diesem sonderbaren Gestaendnisse sich hergeben
werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'

"Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. "Ich dachte,
wie ich, muss jeder fuehlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitaens West.
Er wohnte schlecht, beinahe aermlich. Ich traf ihn, wie er einen
schoenen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
lehrte. Erroetend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
begruessen. 'Ei, Papa,' rief der Kleine, 'wie sieht dir dieser Herr so
aehnlich!'

Der Kapitaen geriet in Verlegenheit und fuehrte den Knaben aus dem
Zimmer. 'Wie,' sagte ich zu ihm, 'Sie haben schon einen Knaben von
diesem Alter? Waren Sie frueher verheiratet?'

Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
behauptete, der Knabe gehoere in die Nachbarschaft, besuche ihn
zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

'Er gehoert wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das boese
Gewissen sich kundtut; er erblasste, seine Augen glaenzten wie die einer
Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
hinlaenglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
das Fraeulein nicht voellig ungluecklich, zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentraeger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
um Luise von ihm zu entfernen. Ich liess ihn ausreden; dann sagte ich
ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhaeltnis zu der Spanierin
erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Toenen
unserer Sprache, das Fraeulein so schonend als moeglich von sich zu
entfernen.

Es gelang mir, ihn zu ruehren; aber nun hatte ich eine andere
unangenehme Szene durchzukaempfen; er klagte sich an, er weinte, er
verfluchte sich, das holde Geschoepf so schaendlich betrogen zu haben.
Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
zu retten; er gestand mir, dass er sich von einem Netz umstrickt sehe,
das er nicht gewaltsam durchbrechen koenne, weil einige hohe Geistliche
der Kirche kompromittiert wuerden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
seine Geschichte anzuhoeren, um vielleicht milder ueber ihn urteilen zu
koennen. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort moege
entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden koennte.
Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
sehr gluecklich machen musste. Es war der aeussere Anschein von Kraft und
Entschlossenheit, die ihm uebrigens sein ganzes Leben hindurch
gemangelt zu haben schienen. Er musste eine fuer seinen Stand
ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
Ausdruecke waren gewaehlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreissen, so dass ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
Dritten, waehrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu pruefen, und
erst in dem Moment der Erzaehlung ueber sich selbst fluechtig nachdenken.
Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentuemlichen Feuer
gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie spraechen
von einem Dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
Eitelkeit, die herrlich aufbluehende Schoenheit, die Tochter eines der
ersten Haeuser der Stadt, fuer sich gewonnen zu haben, riss ihn zu einem
Gefuehl hin, das er fuer Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhaeltnis
ungerne. Ich konnte mir denken, dass es vielleicht weniger Stolz auf
seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
Kapitaens war, was ihn zu einer Haerte stimmte, welche die Liebe eines
Maedchens wie Luise immer mehr anfachen musste. Er soll ihr, was ich
jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
wenn sie je mit dem Kapitaen sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Englaenders auf Verfuehrung
zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der
Geliebten fest im Herzen traegt, nie fuer moeglich gehalten. Doch die
Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, dass er froh gewesen sei, als
er, vielleicht durch Vermittlung des Englaenders, von seinem Posten
zurueckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare
Vorschlaege zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen koennen;
er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte
auch ueber diesen Punkt so schnell als moeglich hinwegzukommen. Er
erzaehlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie
er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei
ploetzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern
gefluechtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie
heiraten.

Es entging mir nicht, dass der Kapitaen mich hier belog. Ich hatte von
dem Gesandten bestimmt erfahren, dass jener schon in Paris angehalten
und ueber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
sich also denken, dass sie ihm nachreisen werde, und dennoch knuepfte er
die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie haette es Ines wagen
koennen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen haette, sie zu
heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht haette?

Er schilderte mir nur ein Gewebe von ungluecklichen Verhaeltnissen, in
welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinaelen, namentlich mit Pater
Rocco, schnell bekannt geworden, gefuehrt habe. Es werde ernstlich an
der Aufloesung ihrer frueheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
angenommen worden, dass er die Geschiedene heiraten werde.

'Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; 'dies alles
beinahe wusste ich vorher. Aber ich hoffe, dass Sie als Mann von Ehre
einsehen werden, dass das Verhaeltnis zu Fraeulein von Palden nicht
fortdauern kann, oder Sie muessen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere koenne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem
Kardinal Rocco Vorschuesse empfangen, die sein Vermoegen ueberstiegen; er
koenne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt
tun.

'Im Augenblicke heisst hier nie,' erwiderte ich ihm. 'Sie werden sich
aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand
losmachen koennen. Ich halte es also fuer Ihre heiligste Pflicht, Luise
nicht noch ungluecklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel
Ihrer Bestrebungen sein?'

Er erroetete und meinte, ich halte ihn fuer schlechter, als er sei. Doch
er fuehle selbst, dass man einen Schritt tun muesse. Er glaube aber, es
sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede
Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie gluecklich machen. Er hatte
Traenen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen koenne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne dass ein wirklicher Entschluss
gefasst worden war, von dem Kapitaen; mein Gefuehl war eine Mischung von
Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der
schoene Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen duerfte."

"Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte
ich; "jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schoene Galeere Luise?"

"Ja und nein," antwortete er truebe; "sie schien meine Liebe zu
uebersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, dass sie
aengstlicher werde in meiner Naehe; es schmerzte sie, dass mir ihre
Freundschaft nicht genuegen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit
oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurueck, ich vermute es sogar,
er hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die
ich in Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des
Gesandten arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin
mitgeben wollte, man wunderte sich, dass ich noch keine
Abschiedsbesuche mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrueten; ich
sah nicht ein, wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch
hielt ich es nicht fuer moeglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr
vielleicht bald der schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf
dem Punkt, ihr alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir moeglich,
ihre himmlische Ruhe zu zerstoeren, das Herz zu brechen, das ich so
gerne gluecklich gewusst haette?

Da stuerzte eines Morgens der Kapitaen West in mein Zimmer; er war
bleich, verstoert; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
sprechen konnte. 'Jetzt ist alles aus,' rief er; 'sie stirbt, sie muss
sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, dass Donna
Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt haetten;
ihr schrieben sie sein Zoegern, sein Schwanken zu, und der Kardinal
hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Fraeulein
gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen koenne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
zurueckzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tueckische Arglist, ich erkannte,
dass die Geliebte verloren sei. Ich weiss Ihnen von dieser Stunde, von
diesem Tage wenig mehr zu erzaehlen. Ich weiss nur, dass ich den Kapitaen
in kalter Wut zur Tuere hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf
und wie ein gejagtes Wild durch die Strassen dem Hause der Signora
Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strasse anlangte, sah ich einen
Kardinal sich demselben Hause naehern. Er schritt stolz einher, Frater
Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich
setzte meine letzten Kraefte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf
ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Laecheln
die Tuere vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich
ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, dass ich noch in
dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
Auftraege, und bald hatte ich die heilige--unglueckselige Stadt im
Ruecken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser uebereilten Flucht
verfuehrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglueckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch
es war zu spaet, und wenn ich mir meine Gefuehle, meine ganze Lage
zurueckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont
zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich
dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause
meiner Tante erzaehlt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Zuege hatten nach und nach jene
Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner
Zurueckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
liessen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
ganzen Historie schienen mir uebrigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglueckliche Maedchen wie das Fraeulein, abenteuernde Damen wie Ines,
intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
viele gesehen. Aber die beiden Maenner waren mir als Menschenkenner
etwas raetselhaft. Der Kapitaen hatte allerdings schon einen bedeutenden
Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie
sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Koerper, welcher abwaerts
gleitet, immer schneller faellt. Er war falsch, denn er spielte zwei
Rollen; er war leichtsinnig, denn er vergass sich alle Augenblicke; er
war eifersuechtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitaen liebte er
wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht
lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle waere
vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon laengst ein Totschlaeger
geworden; ein zweiter waere, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
entflohen, haette die Donna Ines hier und Fraeulein Luise dort sitzen
lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein
dritter haette vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schoene
Saechsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig duenkte es mir, dass das Fraeulein noch in demselben
Zustande war, dass die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
waren, dass das Ende von diesen Geschichten ein Uebertritt zur roemischen
Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten
Verhaeltnissen zu mir, doch wusste ich, wenn ich ihm das Ziel seines
heimlichen Strebens, das Fraeulein, recht lockend, recht reizend
vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne moeglich zeigte, so
machte er Riesenschritte abwaerts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
beschloss daher, mir ein kleines Vergnuegen zu machen und die Leutchen
zu hetzen.

Waehrend diese Gedanken fluechtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und erroetete, er riss
das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glaenzender, seine
Stimme heiterer. "Der Engel!" rief er aus. "Sie will mich dennoch
sehen! Wie gluecklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,
indem er mir den Brief reichte; "muessen solche Zeilen nicht
begluecken?"

Ich las: "Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu
sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis
Sie mir gute Nachrichten zu bringen haetten; Sie selbst sind es
eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie troestlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu koennen. Der
Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!
dass er ihn zurueckbraechte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen
duerfen ihn nicht mehr sehen, nur zurueck von dieser Schmach, die ich
nicht ertragen kann. L. v. P.

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt
waere? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun
koennten."

"Ich kann mir denken, dass dieses schoene Vertrauen Sie erfreuen muss,"
sagte ich; "doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
Sie mir uebrigens aufklaeren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
kann sich uebrigens das Fraeulein an niemand besser wenden als an mich;
denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien
genau bekannt."

Der junge Mann war entzueckt, dem Fraeulein so schnell dienen zu koennen.
"Das ist trefflich!" rief er. "Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben
zu ihr? Ich erzaehle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
Verhaeltnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

"In Berlin," erzaehlte er, "hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir ueber das unglueckliche Geschoepf haette
Nachricht geben koennen, und so lebte ich in einem Zustande, der
beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der saechsische
Gesandte: Der Papst habe sich jetzt oeffentlich fuer den Kapitaen West
erklaert, man spreche davon, dass der Preis dieser Gnade der Uebertritt
des Kapitaens zur roemischen Kirche sein solle. In demselben Briefe
erwaehnte er mit Bedauern, dass die junge Dame, die uns alle so sehr
angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
sehr gefaehrlich krank sei, die Aerzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied ueber mich. Zwar haette ich mir denken koennen, dass alles, was
ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge
haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewiss wusste,
jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurueck,
und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darueber gewundert,
mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so
ploetzlich wieder entlassen zu muessen. Besonders die Tante konnte es
mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit
einem der Fraeulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu
verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Fraeulein wieder fand!
Nur eins schien diese schoene Seele zu betrueben, der Gedanke, dass West
zu seiner grossen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fuegen wolle.
Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Kraefte, ihre
Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
einer laechelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu taetigerem Eifer, ihr
zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
ich von dem Kapitaen erlangt haette, dass er nicht zum Apostaten werde,--
oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute
geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist
zu allem faehig, und Rocco hat ihn so im Netze, dass an kein Entrinnen
zu denken ist."

"Aber der Fromme," fragte ich; "soll wohl der seine Bekehrung
uebernehmen?"

"Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu gruenden. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu
bekehren; doch leider muss er jedem Vernuenftigen zu laecherlich
erscheinen, als dass ich glauben koennte, er sei zur Bekehrung des
Kapitaens berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken koennten; doch,
auch dies koemmt zu spaet! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kuemmern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Fraeulein von Palden.
Was ich von ihr gesehen, von ihr gehoert, hatte mir ein Interesse
eingefloesst, das diese Stunde befriedigen musste. Ich hatte mir schon
lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,
als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt bestaetigt;
ich dachte mir sie naemlich etwas fromm, etwas schwaermerisch, und sie
musste dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
Heilung des Kapitaens West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
empfangen; den Berliner fuehrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren
Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
einmal aufschlug, so gluehten sie von einem trueben, unsicheren Feuer.
Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
Neigen des Hauptes und antwortete: "Gegruesset seist du mit dem Grusse
des Friedens!"

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
sind eine wahre Augenweide fuer den Teufel, er weiss, wie es in ihrem
Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, laecherlicher als
Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und
wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn
sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist
ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
Tuerken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.
Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, "Ja, ja, nein, nein". Auf
weitere Schwuere und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind
die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Laerm fuer sich;
doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre
Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betruegen. Daher koemmt es,
dass sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
oeffentlich zu vergnuegen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen
ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen
jeder andere sein Auge beschaemt wegwenden wuerde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
naeheren Weg, ein Seitenpfoertchen in den Himmel aufschliessen. Aber alle
kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heissen
moegen, seien sie Kathedermaenner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im Aeussern; denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. "Ihr seid ein
Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gruss, "Ihr seid ein
Deutscher?"

"Alle Menschen sind Brueder und gleich vor Gott," antwortete er; "aber
die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

"Da habt Ihr recht," erwiderte ich, "besonders wenn sie in einer engen
Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
gotteslaesterlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: "O welche Freude hat
mir der Herr gegeben, dass er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
der erste, der mir hier sagt, dass dies die Stadt der babylonischen H---,
der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen
Sinne von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen grossen
Goetzentempeln und nennen alles 'heiliges Land', selbst wenn sie
Protestanten sind; aber diese sind oft die Aergsten."

"Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere
Brueder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, muessen fromme
Seelen sein."

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Review: The Thin Blue Line: How Humanitarianism Went to War by Conor FoleyAid worker Foley conducts a fascinating and important analysis of recent wars and disasters around the world, says Steven Poole

Review: Under Two Dictators: Prisoner of Stalin and Hitler by Margarete Buber-Neumann

He might be almost 90 years old in real terms, but Christopher Robin and his bear of very little brain are set to make a literary comeback after the estate of AA Milne agreed to authorise the first-ever official sequel to the much-loved children's books.

Return to the Hundred Acre Wood by author David Benedictus picks up from the poignant ending of Milne's last Pooh book, The House at Pooh Corner, in which Christopher Robin is growing up and heading away to school. "Pooh, promise you won't forget about me, ever. Not even when I'm a hundred," he tells the bear, and they leave together.

The estates of Milne and EH Shepard, who provided the simple but enduring illustrations for the books, said they had been searching for a sequel that would do justice to the original stories for "a good many years".

Although Disney has franchised the characters in a number of films, there has not previously been an authorised literary sequel to Milne's books, Winnie-the-Pooh and The House at Pooh Corner, first published in 1926 and 1928. Milne wrote the books for his son Christopher Robin, naming Pooh after his teddy bear.

The sequel, to be published by Egmont Publishing in Britain and Penguin imprint Dutton Children's Books in the US, is due out on 5 October, illustrated by Mark Burgess. Benedictus, who is familiar with the world of Winnie the Pooh after adapting and producing audio versions of the books starring Judi Dench, Stephen Fry and Jane Horrocks, did not reveal any more details, but promised that the book would both "complement and maintain Milne's idea that whatever happens, a little boy and his bear will always be playing".

Michael Brown, chairman of Pooh Properties, which manages the affairs of the Milne and Shepard estates, said the sequel would capture "the spirit and quality" of the original books.

Benedictus said all Milne's well-loved characters, from Tigger to Eeyore, would be making an appearance in his sequel, which features 10 stories and around 150 illustrations. The stories retain their original 1920s setting.

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Review: The Error World: An Affair with Stamps by Simon Garfield

One might say that Margarete Buber-Neumann had a charmed life, had it not been so horrible. She was fortunate - if that is the word - to be sent to a Soviet labour camp in 1939, during a momentary lull in the mass shooting of prisoners. Handed over to the Nazis in 1940, she was similarly lucky to be released from an SS concentration camp in 1945, just days before the remaining prisoners were forced on evacuation marches ending in death. It is a measure of the dismal times she lived through that such events marked her as fortunate, and it is a testament to her skill as a writer that this thoughtful, humane memoir (published in English in 1949) became an international bestseller. From the very first page we are with her, scurrying through Moscow surrounded by images of Stalin. We accompany her throughout the gruelling years ahead, encountering a host of characters, good and bad, and share in her dogged attempt to make sense of the madness of totalitarianism. This revised text is the definitive edition.

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